Wilkommen bei Franz Ofner

Gib hier deine Überschrift ein

In den letzten Jahrzehnten ist ein – auch außerhalb der im engeren Sinne wissen- schaftlich interessierten Öffentlichkeit – wieder erstarkendes Interesse an Fragen der humanen Stammesgeschichte und der Evolution zu beobachten, welches sich in dem Erfolg von thematisch einschlägigen Büchern, Filmen, Fernsehsendungen und populärwissenschaftlich aufbereiten Artikeln in auflagenstarken Wochen- magazinen manifestiert. Eine zusätzliche medienvermittelte Verstärkung fand dieser Trend durch die vielen Beiträge anlässlich des 150jährigen Jubiläums der Veröffentlichung von Darwins ›Über die Entstehung der Arten‹. Wo aber liegen die systematischen Gründe für diese Hinwendung zu Fragestellungen, die vor- dergründig doch nur von relativ wenigen Spezialistinnen und Spezialisten wis- senschaftlich bearbeitet werden? Eine erste noch sehr allgemein gehaltene Antwort könnte der Hinweis auf Ent- wicklungen sein, die in Europa mit dem Begriff der Neuzeit verbunden werden. Diese führten in ihrer Folge zu fundamentalen Verwerfungen sowohl auf der Ebene der gesellschaftlichen Organisation als auch auf der Ebene der kognitiven Interpretamente der Welt. Wenige Stichworte mögen genügen, um plakativ eini- ge Wendepunkte auf der Ebene der materiellen Verhältnisse wie auch auf der Weltbildebene zu benennen: Wirtschaftlich waren es die industrielle Revolution und die zunehmend weltweite Durchsetzung des (kapitalistischen) Marktprin- zips, politisch der Zusammenbruch der feudalen Herrschaftsordnung, die natio- nalstaatliche Reorganisation Europas bis hin zu überstaatlichen Organisations- einheiten und der Globalisierungsthematik, sozialstrukturell der Übergang von der ständisch geordneten Gesellschaft über die kapitalistische Klassengesellschaft hin zu Individualisierungstendenzen in der Moderne unter Abschwächung patri- archalisch gestalteter Sozialordnungen und mit dem neuen Erfordernis des sozial freien marktförmigen Individuums, kulturell schließlich die Säkularisierung des Denkens und der Legitimationssysteme, verbunden mit Begriffen wie der koper- nikanischen Wende, der Philosophie der Aufklärung oder der Darwinschen Evo- lutionstheorie. Das Konglomerat dieser Wandlungsprozesse brachte für die Indi- viduen vermehrte Unübersichtlichkeit und damit ein neues Verortungsproblem mit sich, nämlich die Frage nach dem eigenen Ort in der Gesellschaft, in der Na- tur und im Kosmos. Eine zweite Antwort könnte auf das gestiegene Bildungsniveau und die Rezep- tion der neuzeitlichen Wissenschaften verweisen. So bedrohen beispielsweise rezente ethologische, paläoanthropologische und evolutionsbiologische For- schungsergebnisse die lange sicher geglaubte Grenzziehung zu den Tieren und damit die Überzeugung von der eigenen Sonderstellung unter den Lebensformen, während gleichzeitig von Seiten der Sozial- und Kulturwissenschaften die Kon- tingenz aller humangesellschaftlichen Organisationsformen betont wird. Damit geht eine weitere Dezentrierung des Menschen aus dem natürlichen und dem sozialen Kosmos einher, denn tradierte Antworten werden zunehmend prekär, womit sich die Frage der Selbstpositionierung aber nur umso schärfer stellt. Eine denkbare Reaktion auf diese zunehmende Unschärfe kann in der Hinwendung zu neuen dogmatischen, ontologische Sicherheit versprechenden Leitsystemen (Kreationismus; Intelligent Design Debatte; nationalistische Ideologien usf.) be- stehen, eine andere Reaktionsmöglichkeit wäre die Stärkung der Wissenschafts- gläubigkeit. Seitdem die Sozialwissenschaften sich für das Publikum zunehmend in postmoderner Beliebigkeit zu verlieren scheinen, sucht man im letzteren Fall Antworten weniger bei den Sozial- und Geisteswissenschaften als primär bei den Naturwissenschaften mit ihren scheinbar harten Standards, die die Validität des Wissens zu garantieren scheinen. Der (aus naturwissenschaftlicher Sicht selbst nur vordergründig vorhandene) Bezug auf Letztgrößen für gesetzesartige Be- gründungen unterläuft die Unübersichtlichkeit und Komplexität der Welt, bietet klare Kausalitäten an. So ist es beispielsweise für viele kognitiv entlastend und emotional befriedigender, Gene als kausale Verursacher von Verhaltensweisen und sozialen Phänomenen zu betrachten als sich mit komplexen systemischen Interferenzen, Relationierungen und Relativierungen auseinandersetzen zu müs-

In den letzten Jahrzehnten