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In den letzten Jahrzehnten ist ein – auch außerhalb der im engeren Sinne wissen-
schaftlich interessierten Öffentlichkeit – wieder erstarkendes Interesse an Fragen
der humanen Stammesgeschichte und der Evolution zu beobachten, welches sich
in dem Erfolg von thematisch einschlägigen Büchern, Filmen, Fernsehsendungen
und populärwissenschaftlich aufbereiten Artikeln in auflagenstarken Wochen-
magazinen manifestiert. Eine zusätzliche medienvermittelte Verstärkung fand
dieser Trend durch die vielen Beiträge anlässlich des 150jährigen Jubiläums der
Veröffentlichung von Darwins ›Über die Entstehung der Arten‹. Wo aber liegen
die systematischen Gründe für diese Hinwendung zu Fragestellungen, die vor-
dergründig doch nur von relativ wenigen Spezialistinnen und Spezialisten wis-
senschaftlich bearbeitet werden?
Eine erste noch sehr allgemein gehaltene Antwort könnte der Hinweis auf Ent-
wicklungen sein, die in Europa mit dem Begriff der Neuzeit verbunden werden.
Diese führten in ihrer Folge zu fundamentalen Verwerfungen sowohl auf der
Ebene der gesellschaftlichen Organisation als auch auf der Ebene der kognitiven
Interpretamente der Welt. Wenige Stichworte mögen genügen, um plakativ eini-
ge Wendepunkte auf der Ebene der materiellen Verhältnisse wie auch auf der
Weltbildebene zu benennen: Wirtschaftlich waren es die industrielle Revolution
und die zunehmend weltweite Durchsetzung des (kapitalistischen) Marktprin-
zips, politisch der Zusammenbruch der feudalen Herrschaftsordnung, die natio-
nalstaatliche Reorganisation Europas bis hin zu überstaatlichen Organisations-
einheiten und der Globalisierungsthematik, sozialstrukturell der Übergang von
der ständisch geordneten Gesellschaft über die kapitalistische Klassengesellschaft
hin zu Individualisierungstendenzen in der Moderne unter Abschwächung patri-
archalisch gestalteter Sozialordnungen und mit dem neuen Erfordernis des sozial
freien marktförmigen Individuums, kulturell schließlich die Säkularisierung des
Denkens und der Legitimationssysteme, verbunden mit Begriffen wie der koper-
nikanischen Wende, der Philosophie der Aufklärung oder der Darwinschen Evo-
lutionstheorie. Das Konglomerat dieser Wandlungsprozesse brachte für die Indi-
viduen vermehrte Unübersichtlichkeit und damit ein neues Verortungsproblem
mit sich, nämlich die Frage nach dem eigenen Ort in der Gesellschaft, in der Na-
tur und im Kosmos.
Eine zweite Antwort könnte auf das gestiegene Bildungsniveau und die Rezep-
tion der neuzeitlichen Wissenschaften verweisen. So bedrohen beispielsweise
rezente ethologische, paläoanthropologische und evolutionsbiologische For-
schungsergebnisse die lange sicher geglaubte Grenzziehung zu den Tieren und
damit die Überzeugung von der eigenen Sonderstellung unter den Lebensformen,
während gleichzeitig von Seiten der Sozial- und Kulturwissenschaften die Kon-
tingenz aller humangesellschaftlichen Organisationsformen betont wird. Damit
geht eine weitere Dezentrierung des Menschen aus dem natürlichen und dem
sozialen Kosmos einher, denn tradierte Antworten werden zunehmend prekär,
womit sich die Frage der Selbstpositionierung aber nur umso schärfer stellt. Eine
denkbare Reaktion auf diese zunehmende Unschärfe kann in der Hinwendung zu
neuen dogmatischen, ontologische Sicherheit versprechenden Leitsystemen
(Kreationismus; Intelligent Design Debatte; nationalistische Ideologien usf.) be-
stehen, eine andere Reaktionsmöglichkeit wäre die Stärkung der Wissenschafts-
gläubigkeit. Seitdem die Sozialwissenschaften sich für das Publikum zunehmend
in postmoderner Beliebigkeit zu verlieren scheinen, sucht man im letzteren Fall
Antworten weniger bei den Sozial- und Geisteswissenschaften als primär bei den
Naturwissenschaften mit ihren scheinbar harten Standards, die die Validität des
Wissens zu garantieren scheinen. Der (aus naturwissenschaftlicher Sicht selbst
nur vordergründig vorhandene) Bezug auf Letztgrößen für gesetzesartige Be-
gründungen unterläuft die Unübersichtlichkeit und Komplexität der Welt, bietet
klare Kausalitäten an. So ist es beispielsweise für viele kognitiv entlastend und
emotional befriedigender, Gene als kausale Verursacher von Verhaltensweisen
und sozialen Phänomenen zu betrachten als sich mit komplexen systemischen
Interferenzen, Relationierungen und Relativierungen auseinandersetzen zu müs-